Internalisierte Misogynie: Warum Frauen manchmal andere Frauen abwerten

Frauen

„Ich komme mit Männern einfach besser klar. Frauen sind mir zu kompliziert.“ „Sie hat doch selbst entschieden, Mutter zu werden. Dann soll sie sich nicht beschweren.“ „Also ich würde mich niemals so freizügig anziehen.“ Hand aufs Herz: Hast du solche Sätze schon einmal gehört? Vielleicht sogar selbst gedacht?

Es ist ein unangenehmes Thema. Denn wir sprechen oft darüber, wie Männer Frauen abwerten. Viel seltener darüber, dass Frauenfeindlichkeit auch unter Frauen existiert. Das Phänomen heißt internalisierte Misogynie. Und es zeigt, wie tief gesellschaftliche Rollenbilder in uns verankert sein können.

Internalisierte Misogynie: Was bedeutet das?

Internalisierte Misogynie beschreibt frauenfeindliche Vorstellungen, die Menschen durch ihre gesellschaftliche Prägung übernehmen und gegen sich selbst oder andere Frauen richten. Wie UN Women Deutschland im feministischen Glossar erklärt, kann Misogynie als verinnerlichtes Denkmuster in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkommen.

Dabei muss eine Frau andere Frauen nicht bewusst hassen. Oft geht es um unbewusst übernommene Vorstellungen darüber, wie Frauen angeblich sein sollten.

Warum werten Frauen andere Frauen ab?

Weil wir mit denselben Rollenbildern aufwachsen

Schon Mädchen hören, dass sie hübsch, freundlich und möglichst unkompliziert sein sollen. Wer laut, ehrgeizig oder sexuell selbstbestimmt ist, wird dagegen schneller kritisiert. Die Autorin Anna Rosenwasser beschreibt im Goethe-Institut, wie Menschen sexistische Vorstellungen verinnerlichen, selbst wenn sie diese eigentlich ablehnen. Wenn wir jahrelang lernen, dass bestimmte weibliche Eigenschaften weniger wert sind, können wir irgendwann selbst anfangen, andere Frauen dafür abzuwerten.

Weil Frauen miteinander verglichen werden

Wer ist die bessere Mutter? Wer sieht jünger aus? Wer hat die erfolgreichere Karriere? Wer bekommt mehr Aufmerksamkeit? Statt Frauen als unterschiedliche Menschen wahrzunehmen, entsteht manchmal ein ständiger Konkurrenzkampf um Anerkennung.

Bei Frauen entsteht oft ein Konkurrenzkampf.

Dabei müssen wir nicht dieselben Entscheidungen treffen, um einander zu respektieren. Eine Frau darf Karriere machen, eine andere zu Hause bleiben. Keine ist deshalb weniger wert.

Weil Abwertung manchmal Sicherheit vermittelt

Wer sich von anderen Frauen abgrenzt, versucht möglicherweise, selbst gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. „Ich bin nicht wie die anderen Frauen“ klingt nach Individualität. Dahinter kann aber die Vorstellung stecken, dass Weiblichkeit etwas Minderwertiges sei.

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung beschäftigt sich mit solchen verinnerlichten Rollenbildern und ihrer Bedeutung für Gleichberechtigung.

Internalisierte Misogynie im Alltag erkennen

Wenn Mütter andere Mütter verurteilen

Die eine gibt ihr Kind früh in die Kita und gilt als egoistisch. Die andere bleibt länger zu Hause und wird als überfürsorglich bezeichnet. Mütter können kaum gewinnen, wenn jede Entscheidung zum Anlass für Kritik wird.

Wie sehr gesellschaftliche Erwartungen auch finanziell belasten können, erklären wir bei HerNow im Artikel Motherhood Penalty: Warum Mutterschaft Frauen finanziell Jahre kosten kann.

Wenn Frauen andere Frauen für ihr Aussehen beschämen

Zu viel Make-up. Zu kurze Röcke. Zu viele Schönheitsbehandlungen. Oder angeblich zu wenig Mühe. Weibliche Körper werden bewertet, selbst wenn diese Bewertungen von anderen Frauen kommen.

Auch unser Artikel Pink Tax: Warum Produkte für Frauen oft mehr kosten zeigt, wie gesellschaftliche Geschlechterbilder unseren Alltag beeinflussen.

Wenn erfolgreiche Frauen als unsympathisch gelten

Eine selbstbewusste Chefin wird als arrogant bezeichnet, während ähnliche Eigenschaften bei Männern als Führungsstärke gelten können. Doppelte Standards sind besonders problematisch, wenn Frauen sie selbst übernehmen und weitergeben.

Mehr über solche Mechanismen erfährst du in unserem HerNow-Artikel Misogynie einfach erklärt: Wo Frauenfeindlichkeit im Alltag beginnt.

Wie können wir internalisierte Misogynie überwinden?

Eigene Gedanken hinterfragen

Der erste Schritt ist nicht, sich für jeden kritischen Gedanken zu verurteilen. Sondern neugierig zu werden. Warum stört mich diese Frau eigentlich? Würde ich einen Mann für dasselbe Verhalten kritisieren? Und bewerte ich gerade ihre Entscheidung oder ihr Geschlecht? Selbstreflexion statt Selbstvorwürfe kann helfen, erlernte Denkmuster zu erkennen.

Frauen unterstützen, ohne immer zuzustimmen

Feminismus bedeutet nicht, jede Frau automatisch sympathisch zu finden oder jede ihrer Entscheidungen gutzuheißen. Aber wir können Kritik ohne Abwertung üben. Wir können unterschiedlicher Meinung sein, ohne Frauen wegen ihres Körpers, ihrer Sexualität oder ihrer Lebensentscheidungen herabzusetzen.

Und wir können Mädchen früh zeigen, dass es nicht nur eine richtige Art gibt, Frau zu sein. Dazu passen auch unsere Empfehlungen für feministische Kinderbücher.

FAQ: Internalisierte Misogynie

Können feministische Frauen internalisierte Misogynie haben?

Ja. Auch feministisch eingestellte Menschen können unbewusste Vorurteile übernommen haben. Entscheidend ist, diese zu hinterfragen.

Ist jede Kritik an einer Frau misogyn?

Nein. Sachliche Kritik ist selbstverständlich erlaubt. Problematisch wird es, wenn Frauen aufgrund sexistischer Vorstellungen abgewertet werden.

Was bedeutet „Pick-me-Girl“?

Der Begriff beschreibt umgangssprachlich Frauen, die sich für männliche Anerkennung demonstrativ von anderen Frauen abgrenzen. Nicht jede Abgrenzung ist allerdings automatisch internalisierte Misogynie.

Fazit: Andere Frauen sind nicht unsere Konkurrenz

Wir müssen nicht alle beste Freundinnen werden. Wir dürfen unterschiedliche Meinungen, Lebensentwürfe und Werte haben. Aber vielleicht sollten wir häufiger hinterfragen, warum wir bei anderen Frauen manchmal so streng sind. Weibliche Solidarität bedeutet nicht bedingungslose Zustimmung. Sie bedeutet, andere Frauen nicht an Maßstäben zu messen, gegen die wir selbst kämpfen.

Und manchmal beginnt Veränderung mit einem einfachen Gedanken: Nur weil eine andere Frau anders lebt als ich, macht sie es nicht falsch.

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