Misogynie einfach erklärt: Wo Frauenfeindlichkeit im Alltag beginnt

Frau Misogynie

„War doch nur ein Witz.“ „Jetzt übertreib mal nicht.“ „Man darf heutzutage auch gar nichts mehr sagen.“ Es sind Sätze, die viele Frauen kennen. Oft fallen sie genau dann, wenn wir etwas ansprechen, das uns verletzt, herabsetzt oder einfach unfair erscheint. Frauenfeindlichkeit beginnt nämlich nicht erst dort, wo Männer Frauen offen hassen.

Manchmal steckt sie in einem vermeintlich harmlosen Kommentar, einer abwertenden Bemerkung über den Körper einer Frau oder der selbstverständlichen Erwartung, dass Mütter ihre Karriere zurückstellen. Aber was genau ist Misogynie, und woran erkennen wir sie im Alltag?

Misogynie Bedeutung: Was heißt das eigentlich?

Der Begriff Misogynie stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Frauenhass“. Im heutigen Sprachgebrauch beschreibt er jedoch mehr als offenen Hass auf Frauen. Gemeint sind auch Einstellungen und Verhaltensweisen, durch die Frauen abgewertet, kontrolliert oder für das Überschreiten gesellschaftlicher Geschlechtererwartungen bestraft werden.

Die Philosophin Kate Manne unterscheidet in ihrem Buch Down Girl zwischen Sexismus und Misogynie: Während Sexismus bestehende Geschlechterhierarchien rechtfertigen kann, beschreibt Misogynie auch Mechanismen, mit denen diese Hierarchien durchgesetzt werden. Misogynie muss also nicht immer laut, aggressiv oder offensichtlich sein. Sie kann sich auch in scheinbar normalen Alltagssituationen zeigen.

Was ist der Unterschied zwischen Misogynie und Sexismus?

Die Begriffe hängen eng zusammen, sind aber nicht vollkommen identisch. Sexismus bezeichnet Benachteiligung, Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Dazu gehört beispielsweise die Annahme, Frauen seien grundsätzlich weniger geeignet für Führungspositionen.

Misogynie beschreibt insbesondere die Abwertung und Feindseligkeit gegenüber Frauen sowie die Sanktionierung von Frauen, die sich bestimmten Erwartungen nicht unterordnen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes erklärt geschlechtsbezogene Diskriminierung und zeigt, warum Benachteiligung nicht immer offen ausgesprochen werden muss.

Misogynie beschreibt die Abwertung und Feindseligkeit gegenüber Frauen.

Nicht jede sexistische Bemerkung ist automatisch Ausdruck bewussten Frauenhasses. Trotzdem können auch scheinbar kleine Abwertungen bestehende Ungleichheiten verstärken.

6 Beispiele für Misogynie im Alltag

1. Wenn selbstbewusste Frauen als schwierig gelten

Ein Mann vertritt entschieden seine Meinung? Durchsetzungsstark. Eine Frau macht dasselbe? Dominant, anstrengend oder hysterisch. Solche unterschiedlichen Bewertungen können auf geschlechtsspezifischen Erwartungen beruhen.

2. Wenn Frauen für männliches Verhalten verantwortlich gemacht werden

„Warum hat sie sich so angezogen?“ „Warum ist sie überhaupt mitgegangen?“ „Warum hat sie nicht früher Nein gesagt?“ Wenn nach sexualisierter Gewalt zuerst das Verhalten der betroffenen Frau hinterfragt wird, statt die Verantwortung der handelnden Person zu betrachten, spricht man von Victim Blaming. Die Verantwortung für einen Übergriff liegt immer bei der Person, die ihn begeht.

3. Wenn Frauen auf ihr Aussehen reduziert werden

Zu dick. Zu dünn. Zu alt. Zu viel Make-up. Zu wenig Make-up. Frauen erleben häufig widersprüchliche Erwartungen an ihren Körper und ihr Erscheinungsbild. Besonders problematisch wird es, wenn ihr Aussehen wichtiger behandelt wird als ihre Kompetenz, Persönlichkeit oder Leistung.

4. Wenn Mütter beruflich weniger zugetraut wird

Eine Frau bekommt ein Kind und plötzlich wird angenommen, dass sie weniger ambitioniert sei. Vielleicht bekommt sie ein wichtiges Projekt nicht mehr. Vielleicht wird bei einer Beförderung lieber jemand anderes berücksichtigt.

Wie teuer solche gesellschaftlichen und beruflichen Strukturen für Frauen werden können, erklären wir bei HerNow in unserem Artikel zur Motherhood Penalty und den finanziellen Folgen von Mutterschaft.

5. Wenn Frauen online eingeschüchtert werden

Eine Frau äußert öffentlich ihre Meinung und erhält sexistische Beleidigungen, sexualisierte Drohungen oder Kommentare über ihren Körper. Das ist mehr als eine unangenehme Diskussion. Geschlechtsspezifische digitale Gewalt kann dazu führen, dass Frauen sich aus öffentlichen Debatten zurückziehen.

6. Wenn Frauen ständig als überempfindlich dargestellt werden

Eine Frau spricht eine Grenzüberschreitung an und hört: „Du bist aber empfindlich.“ Natürlich ist nicht jede Meinungsverschiedenheit misogyn. Wenn Frauen jedoch systematisch als irrational oder emotional abgewertet werden, sobald sie Kritik äußern, kann dahinter ein frauenfeindliches Muster stehen.

Warum Misogynie nicht erst bei Gewalt beginnt

Frauenfeindlichkeit kann sich in abwertenden Witzen, ungleichen Erwartungen und diskriminierenden Entscheidungen zeigen. In besonders schweren Formen kann sie mit Bedrohungen und Gewalt verbunden sein. Auch UN Women Deutschland beschreibt Misogynie als gesellschaftlich verankertes Denkmuster, das sich unter anderem in Verachtung, Objektifizierung und Gewalt gegen Frauen äußern kann.

Nicht jede unfreundliche Bemerkung ist Frauenfeindlichkeit. Entscheidend ist, ob Frauen gerade aufgrund ihres Geschlechts herabgesetzt oder benachteiligt werden.

Was hat Misogynie mit dem Patriarchat zu tun?

Das Patriarchat beschreibt gesellschaftliche Strukturen, in denen Männer historisch und institutionell überproportional viel Macht innehaben. Misogynie kann dazu beitragen, solche Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten, indem Frauen abgewertet werden, die traditionelle Rollenbilder infrage stellen.

Das betrifft auch wirtschaftliche Ungleichheiten. Wie stark sich diese auf das Leben von Frauen auswirken können, zeigen unsere HerNow-Artikel zum Gender Pay Gap in Deutschland und zur Pink Tax.

Dabei ist wichtig: Frauenfeindliche Vorstellungen können auch von Frauen selbst übernommen und weitergegeben werden. Das wird als internalisierte Misogynie bezeichnet.

Was können wir gegen Misogynie im Alltag tun?

Nicht jede sexistische Bemerkung verlangt eine große Diskussion. Und niemand ist verpflichtet, sich in einer unangenehmen oder bedrohlichen Situation selbst zu gefährden. Trotzdem können wir im Alltag etwas verändern. Wir können abwertende Witze hinterfragen, Frauen bei Grenzüberschreitungen unterstützen und unsere eigenen Vorurteile reflektieren.

Vor allem sollten wir Mädchen nicht beibringen, möglichst angenehm, still und unkompliziert zu sein, während wir Jungen mehr Durchsetzungsfähigkeit zugestehen. Gleichberechtigung beginnt auch damit, welche Erwartungen wir an unsere Kinder weitergeben.

Wie wir solche Rollenbilder früh hinterfragen können, zeigen wir bei HerNow auch in unserem Beitrag über feministische Kinderbücher.

Warum Frauenfeindlichkeit uns alle etwas angeht

Vielleicht ist das Erschöpfendste an alltäglicher Misogynie, dass Frauen oft nicht nur die Abwertung erleben, sondern anschließend auch noch erklären sollen, warum sie problematisch war. Warum der Witz nicht lustig war. Warum die Bemerkung über ihren Körper unangebracht war. Warum sie nicht überreagiert, wenn sie eine Grenze setzt.

Dabei sollte die Frage nicht immer lauten, warum Frauen sich daran stören. Vielleicht sollten wir häufiger fragen, warum es noch immer so selbstverständlich erscheint, Frauen abzuwerten. Denn Feminismus bedeutet nicht, Männer schlechtzumachen.

Es bedeutet, gesellschaftliche Ungleichheiten sichtbar zu machen und gleiche Rechte, Chancen und Würde einzufordern. Und das sollte eigentlich keine radikale Forderung sein.

FAQ: Misogynie Bedeutung

Was bedeutet Misogynie einfach erklärt?

Misogynie bedeutet Frauenhass oder Frauenfeindlichkeit. Sie umfasst offene Feindseligkeit, aber auch abwertende Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Frauen.

Was ist ein Beispiel für Misogynie?

Ein Beispiel ist die wiederholte Herabsetzung einer Frau als unfähig oder minderwertig, weil sie eine Frau ist. Auch sexualisierte Einschüchterung und gezielte frauenfeindliche Beleidigungen können Ausdruck von Misogynie sein.

Können Frauen selbst misogyn sein?

Ja. Auch Frauen können frauenfeindliche Vorstellungen verinnerlichen und weitergeben. Man spricht dann von internalisierter Misogynie.

Ist Misogynie dasselbe wie Sexismus?

Nicht ganz. Sexismus ist der breitere Begriff für geschlechtsbezogene Vorurteile und Benachteiligung. Misogynie bezeichnet insbesondere Frauenfeindlichkeit und die Abwertung oder Sanktionierung von Frauen.

Ist jede Kritik an einer Frau misogyn?

Nein. Frauen können selbstverständlich kritisiert werden. Entscheidend ist, ob sich die Kritik auf konkretes Verhalten bezieht oder eine Frau aufgrund ihres Geschlechts abgewertet wird.

Mehr zum Thema Feminismus:

Kommentar verfassen