Mein Kind spricht wenig: Wann ist das noch normal und wann sollte man genauer hinschauen?

Mama Tochter

„Wie viele Wörter spricht sie denn schon?“ Ich glaube, kaum eine Frage schafft es so schnell, aus einem eigentlich entspannten Mama-Gehirn eine kleine Vergleichsmaschine zu machen. Denn plötzlich fällt einem auf, dass das gleichaltrige Kind auf dem Spielplatz schon ganze Geschichten erzählt, während das eigene Kind mit „Mama“, „da“ und energischem Zeigen ziemlich zufrieden durchs Leben kommt.

Wenn dein Kind wenig spricht, muss das nicht automatisch bedeuten, dass etwas nicht stimmt. Kinder entwickeln Sprache in sehr unterschiedlichem Tempo. Trotzdem gibt es bestimmte Anhaltspunkte, bei denen es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen.

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) betont ebenfalls, dass der Zeitpunkt der ersten Wörter, der Aufbau des Wortschatzes und die Satzbildung von Kind zu Kind stark variieren.

Kind spricht wenig: Wie unterschiedlich darf Sprachentwicklung sein?

Die Spannbreite ist tatsächlich ziemlich groß. Die Mehrheit der Kinder spricht laut BIÖG zwischen dem ersten und anderthalbten Geburtstag ihre ersten Wörter. Einige beginnen früher, andere deutlich später. Selbst bei normal entwickelten Kindern kann sich der aktive Wortschatz im Alter von 20 Monaten erheblich unterscheiden.

Das ist wichtig, weil wir als Eltern meistens nicht mit einer Entwicklungstabelle vergleichen. Wir vergleichen mit anderen Kindern. Und das kann wahnsinnig verunsichern. Vielleicht erzählt das Kind deiner Freundin mit zwei Jahren schon, was heute in der Kita passiert ist. Dein Kind sagt dagegen „Auto da“ und betrachtet die Sache offenbar als vollständig geklärt. Beides allein sagt noch nicht, wie die weitere Sprachentwicklung verlaufen wird.

Was sollte ein Kind mit 2 Jahren ungefähr sprechen?

Gegen Ende des zweiten Lebensjahres wird Sprache besonders interessant. Viele Kinder kombinieren jetzt Wörter miteinander und bilden erste kurze Sätze wie:

„Mama komm.“

„Papa Auto.“

„Mehr Banane.“

Nach Angaben des BIÖG kann eine deutlich verlangsamte Sprachentwicklung gegen Ende des zweiten Lebensjahres ein Hinweis darauf sein, dass genauer hingeschaut werden sollte.

Weniger als 50 Wörter mit 2 Jahren

Als wichtiger Orientierungswert gilt um den zweiten Geburtstag ein aktiver Wortschatz von ungefähr 50 Wörtern sowie die Fähigkeit, zwei Wörter miteinander zu verbinden. Kinder, die weniger als 50 Wörter sprechen und/oder noch keine Zwei-Wort-Sätze bilden, werden, sofern keine andere erkennbare Beeinträchtigung zugrunde liegt, häufig als Late Talker bezeichnet.

Das klingt zunächst beängstigender, als es sein muss. Denn laut BIÖG holt gut die Hälfte dieser Kinder ihre sprachliche Verzögerung später selbstständig auf. Sie werden dann als „Late Bloomer“, also Spätzünder, bezeichnet.

Trotzdem sollte man nicht einfach darauf vertrauen, dass es sich schon verwächst. Wenn dein Kind mit zwei Jahren deutlich wenig spricht, ist das ein guter Grund, es bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt anzusprechen.

Wenig sprechen ist nicht das Einzige, worauf es ankommt

Ich finde diesen Punkt besonders beruhigend: Bei Sprachentwicklung geht es um viel mehr als darum, wie viele Wörter wir auf einer imaginären Liste abhaken können. Achte auch darauf, wie dein Kind kommuniziert und Sprache versteht. Versteht es einfache Aufforderungen? Zeigt es auf Dinge? Sucht es Kontakt? Benutzt es Gesten und Mimik? Versucht es, dir etwas mitzuteilen?

Kind spricht mit Mutter
Es ist wichtig, wie dein Kind kommuniziert und Sprache versteht.

Bei der U7 zwischen dem 21. und 24. Lebensmonat wird deshalb beispielsweise auch geprüft, ob ein Kind einfache Wörter und Sätze versteht. Ein Kind kann also sprachlich noch zurückhaltend sein und trotzdem unglaublich viel von dem verstehen, was um es herum gesagt wird.

Wann sollte man genauer hinschauen, wenn ein Kind wenig spricht?

Nicht jeder späte Sprecher hat eine Sprachentwicklungsstörung. Trotzdem gibt es Situationen, in denen eine fachliche Einschätzung sinnvoll ist. Sprich mit deiner Kinderärztin oder deinem Kinderarzt, wenn dein Kind beispielsweise gegen Ende des zweiten Lebensjahres deutlich weniger spricht als Gleichaltrige, weniger als etwa 50 Wörter verwendet oder noch keine Zwei-Wort-Kombinationen bildet.

Auch Schwierigkeiten beim Sprachverständnis oder eine über längere Zeit kaum erkennbare Weiterentwicklung solltest du ansprechen.

Besonders wichtig: Bereits gelernte Fähigkeiten gehen verloren

Wenn ein Kind Wörter oder andere Fähigkeiten, die es bereits sicher verwendet hat, wieder verliert, sollte das ebenfalls ärztlich besprochen werden. Und auch dein eigenes Gefühl zählt. Du musst nicht erst warten, bis irgendeine Tabelle sagt, dass du dir Sorgen machen „darfst“.

Wenn ein Kind wenig spricht, sollte auch das Hören überprüft werden

Sprache und Hören hängen eng zusammen. Wenn ein Kind Sprache nicht zuverlässig hört, kann das Auswirkungen darauf haben, wie es sprechen lernt. Das BIÖG empfiehlt deshalb, bei Zweifeln am Hörvermögen kinderärztlichen Rat einzuholen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Hörstörung vorliegt. Aber es ist ein wichtiger Punkt, der bei einer auffälligen Sprachentwicklung mitgedacht werden sollte.

Was kann ich tun, wenn mein Kind wenig spricht?

Das Internet ist voll von „Sprachförderübungen“. Im Familienalltag darf es viel einfacher sein. Sprich mit deinem Kind. Erzähl beim Anziehen, was ihr gerade macht. Schaut gemeinsam Bücher an. Singt. Beantworte seine Fragen. Greif Wörter auf und erweitere sie.

Sagt dein Kind: „Hund!“ kannst du antworten: „Ja, da läuft ein großer Hund.“ So hört dein Kind ganz nebenbei neue Wörter und Satzstrukturen. Das BIÖG empfiehlt, Kindern viel Gelegenheit zum Sprechen zu geben, sie nicht unter Druck zu setzen und auf ihren jeweiligen Entwicklungsstand einzugehen.

Mit deinem Kind zu sprechen, hilft bei der Sprachentwicklung.

Bitte mach aus Sprache keine Prüfung

Was wir dagegen nicht brauchen: „Sag mal Schmetterling.“ „Wie heißt das?“ „Nein, sag es richtig.“ Natürlich wollen wir helfen. Aber Sprache sollte möglichst mit Verbindung und Freude verbunden bleiben und nicht mit dem Gefühl, ständig getestet zu werden. Wenn dein Kind „Ich hab getrinkt“ sagt, musst du daraus keine Deutschstunde machen.

Du kannst einfach antworten: „Ah, du hast schon getrunken.“ Damit hört dein Kind die korrekte Form, ohne dass sein eigener Versuch abgewertet wird.

Was ist bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern?

Mehrsprachigkeit ist kein Grund, zuhause auf eine Sprache zu verzichten. Das BIÖG empfiehlt Eltern, mit ihrem Kind insbesondere die Sprache zu sprechen, die sie selbst sicher beherrschen und in der sie Gedanken und Gefühle am besten ausdrücken können.

Bei mehrsprachigen Kindern kann sich der Wortschatz auf mehrere Sprachen verteilen. Auch Sprachmischungen können in bestimmten Entwicklungsphasen auftreten. Mehrsprachigkeit allein verursacht keine Sprachentwicklungsstörung. Bestehen jedoch anhaltende Schwierigkeiten in den Sprachen des Kindes, sollte das fachlich abgeklärt werden.

U7 und U7a: Sprachentwicklung ruhig ansprechen

Die Vorsorgeuntersuchungen sind ein guter Zeitpunkt, Fragen zur Sprache mitzubringen. Bei der U7 zwischen 21 und 24 Monaten schaut die Kinderärztin oder der Kinderarzt unter anderem auf das Sprachverständnis. Bei der U7a kurz vor dem dritten Geburtstag erhält die sprachliche Entwicklung erneut besondere Aufmerksamkeit.Du musst aber selbstverständlich nicht bis zur nächsten U-Untersuchung warten, wenn dich etwas beschäftigt.

Dein Kind ist keine Entwicklungs-Checkliste

Ich weiß, wie leicht dieser Satz gesagt ist: „Vergleich dein Kind nicht.“ Als Mama macht man es trotzdem. Man hört ein anderes Kind sprechen und denkt sofort: Moment – das kann meins noch nicht. Aber Kinder entwickeln sich nicht synchron. Das eine spricht früh, das andere klettert früh, ein anderes beobachtet erst einmal alles ganz genau.

Das bedeutet nicht, dass wir Warnzeichen ignorieren sollten. Früh hinzuschauen kann wichtig sein und ermöglicht bei Bedarf gezielte Unterstützung. Aber zwischen „Mein Kind spricht weniger als das Nachbarskind“ und „Mein Kind hat eine Sprachentwicklungsstörung“ liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Wir dürfen aufmerksam sein, ohne aus jedem Entwicklungsschritt einen Wettbewerb zu machen. Und bis dahin dürfen „Mama, da!“ und ein ausgestreckter kleiner Finger manchmal eine erstaunlich vollständige Unterhaltung sein.

FAQ: Wenn ein Kind wenig spricht

Mein Kind ist 2 Jahre alt und spricht wenig – ist das normal?

Kinder entwickeln Sprache unterschiedlich schnell. Als Orientierung gelten um den zweiten Geburtstag etwa 50 aktive Wörter und erste Zwei-Wort-Kombinationen. Liegt dein Kind deutlich darunter, solltest du die Sprachentwicklung kinderärztlich ansprechen.

Was ist ein Late Talker?

Als Late Talker werden Kinder bezeichnet, die gegen Ende des zweiten Lebensjahres weniger als etwa 50 Wörter sprechen und/oder noch keine Zwei-Wort-Sätze bilden, ohne dass eine erkennbare andere Beeinträchtigung vorliegt. Ein Teil dieser Kinder holt später selbstständig auf.

Sollte ich mein Kind zum Sprechen auffordern?

Du kannst Sprache spielerisch anregen, solltest dein Kind aber nicht unter Druck setzen. Gespräche, gemeinsames Anschauen von Büchern, Singen und das sprachliche Begleiten des Alltags bieten natürliche Sprechanlässe.

Wann sollte ich mit meinem Kind zum Kinderarzt?

Wenn du dir Sorgen um die Sprachentwicklung machst, dein Kind deutlich wenig spricht, kaum Fortschritte zeigt, Sprache schlecht versteht oder bereits erworbene Fähigkeiten verliert, solltest du das kinderärztlich besprechen. Auch Zweifel am Hörvermögen sind ein Grund, genauer hinzuschauen.

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